Auszug des Artikels aus Heft 2/2005 . (den vollständigen Artikel gibt es auf der MW-Homepage)

Die neue Objektpalette von Freehand MX
Herrscher über die Attribute
Text und Illustration: Thomas Thü Hürlimann
Das Erste, was einem bei der Arbeit mit Freehand
MX auffällt, ist ein Gedächtnisschwund: Bei den vorhergehenden Versionen war in
der Objektpalette stets die Eigenschaft
„Linie“ oder „Füllung“ im Vordergrund –
abhängig davon, was zuletzt bearbeitet
wurde. Man brauchte also lediglich ein
neues Objekt anzuklicken und hatte sofort Zugang zu denselben Eigenschaften.
Vergleiche ließen sich so schnell erledigen. Durch die neue hierarchische Struktur in der Objektpalette ist es nun nötig,
jedesmal die entsprechende Eigenschaft
nach vorne zu holen, bevor man daran etwas ändern kann.
Die Reihenfolge entscheidet
Mitunter stellt man im Verlauf einer Arbeit fest, dass die Linien einiger Objekte
verschiedene Strichdicken zeigen. Selbst
die Kontrolle der Werte für „Strich“ in der
Objektpalette bringt keine Klärung, da
alle Linienstärken gleich eingestellt sind.
Oft greift man dann zu einem scheinbar
einfachen Ausweg aus dem Dilemma und
macht die dünnen Linien doppelt so dick.
Was tatsächlich dahinter steckt, zeigt
sich erst in der Hierarchie der Eigenschaften in der Objektpalette. Steht die Eigenschaft Fläche vor der Eigenschaft Strick,
so verdeckt die Fläche die Hälfte der Linie
und sie erscheint nur 1 Millimeter dick,
auch wenn man in den entsprechenden
Eigenschaften eigentlich 2 Millimeter als
gewünschte Strichstärke eingetragen hat. Damit ist das Problem klar, allerdings
ist noch offen, wie es entsteht. Die Linien
stehen in einem Dokument einmal hinter
und dann wieder vor der Fläche, obwohl
die Hierarchie nicht manuell geändert
wurde. Entscheidend ist vielmehr die Reihenfolge, in der man die Eigenschaften
hinzufügt. Sie beeinflusst die Reihenfolge
in der Hierarchie und damit auch die Erscheinungsweise am Bildschirm.
Eine Folge der neuen
Möglichkeiten
Der Grund für die Änderung an der Objektpalette findet sich in den neuen Effektmöglichkeiten, die man jedem Objekt
zuordnen kann. Da dies auf der Ebene der
Eigenschaften passiert, wurde es notwendig, eine Hierarchie für die Effekte zu
schaffen. So findet sich unter den neuen
Möglichkeiten zum Beispiel ein „Entwurf-Effekt“, der eine Linie oder eine Fläche
mit Ungenauigkeiten versieht und sie dadurch wie von Hand gezeichnet erscheinen lässt. Je nachdem wie man diese in
der Palette mit anderen Effekten wie
Schatten oder Relief hierarchisch anordnet, wirken sie sich auf die Linie oder die
Fläche aus oder auf alle Eigenschaften
des Objekts.
Eine weitere Neuerung ist die Verwendung von mehreren Strich- oder Füllungseigenschaften für dasselbe Objekt. So
kann man, wie bei unserem Beispiel oben,
eine gestrichelte farbige Linie über einer
schwarzen dickeren Linie anordnen, ohne
dafür extra ein zweites Objekt erstellen zu
müssen. Früher erstellte man von dem
Objekt einen Klon – ein Duplikat, das genau über dem Original liegt – und vergab
für dessen Linie eine andere Eigenschaft.
Das Resultat beider Arbeitsweisen sieht
gleich aus, doch die Korrektur mit mehreren Linien ist aufwendiger. Wollte man
nachträglich die Form des Objekts ändern, so musste man dies zweimal machen oder das geklonte Objekt löschen
und nach der Änderung des Originalobjekts einen neuen Klon erzeugen.
Die Hürden umschiffen
Die Palette „Stile“ hilft zumindest teilweise über das Problem mit der Objektpalette hinweg. Wenn man eine bestimmte
Liniendicke oder bestimmte Verlaufsfüllungen mehrmals verwenden will, macht
es Sinn, diese als Stil zu speichern.
Um einen eigenen Eintrag in der Palette zu erzeugen, erstellt man ein Objekt
und versieht es mit den gewünschten Eigenschaften von Linie und Füllung. Da
nach lässt man das Objekt aktiviert und
öffnet die Palette über das Menü „Fenster
> Stile“. In der Palette befindet sich oben
rechts das Befehlsmenü, dort wählt man
den Eintrag „Neu“.
Nun erscheint ein
neuer Eintrag in der Stilepalette mit der
Bezeichnung „Stile-1“. Das Symbol dazu
entspricht den Eigenschaften des Objekts,
das man zuvor erstellt hat.
Wenn man ein anderes Objekt aktiviert und dann den neuen Eintrag in der
Palette anklickt, werden dessen Füllungs
und Linieneigenschaften gleichzeitig geändert. Alternativ dazu kann man nur
eine der Eigenschaften separat beeinflussen, wenn man im Befehlsmenü innerhalb
der Palette „Stile“ unter „Stilverhalten“
eine andere Einstellung definiert.
Unschön ist lediglich, dass sich das
Symbol des Stils nachträglich nicht mehr
ändert. Wenn man einen Stil einmal definiert hat, der Füllung und Linie ändert, so
hat dieser ein Symbol, das die entsprechende Füllung und Linie zeigt. Ändert
man im Nachhinein den Wirkungsbereich
des Stils, damit dieser nur noch auf die
Linien wirkt, so bleibt die Füllung dennoch im Symbol enthalten.
Wir empfehlen
statt dessen, einen neuen Stil mit einem
Objekt anzulegen, das die gewünschte Eigenschaft enthält, und für diesen Stil den
Wirkungsbereich einzustellen.
Das Einrichten einer solchen Palette
lohnt sich aber für die Arbeit an einem
einzelnen Dokument nicht, da es einen
nicht zu unterschätzenden Aufwand bedeutet, wenn man die Palette mit den Stilen sinnvoll aufbauen will. Der Lohn der
Mühe kommt erst, wenn die Palette einmal erstellt ist und dann in jedem Dokument zur Verfügung steht. Das erreicht man über zwei Wege:
Man ändert die Stile in der Freehand-Vorlagendatei, so dass sich jedes neue Dokument automatisch mit den selbst definierten Stilen darin öffnet.
Die Freehand-Vorlagen findet man im Ordner „Library >
Application Support > Macromedia >
FreeHand MX > 11 > German > Settings“;
der Name der Datei lautet „Defaults A4“
oder „Basic A4“ (die Bezeichnung findet
man über den Befehl „Dokument > Neue
Dokument Vorlage“). Oder man erstellt
eine externe Datei mit Stilvorlagen. Dazu
exportiert man die selbst geschaffenen
Stile mit dem entsprechenden Befehl aus
dem Menü in der Palette „Stile“ und importiert sie auf demselben Weg in jede
beliebige Freehand-Datei.
Objektpalette
„Multiple Attributes“
nennt Macromedia die
neue Funktion, die es
ermöglicht, einem Objekt
mehrere Linien und Füllungen zu verpassen. In
der Werbung für Freehand wird dies zu „mehr
Power für Ihre Illustrationen“.
Bei der täglichen Arbeit
bedeutet es aber lediglich mehr Aufwand und
Verwirrung, um zum selben Resultat zu kommen.
In den einschlägigen
Foren häuft sich der
Wunsch, diese Attributkombis in den Präferenzen ausschalten zu können, doch der Hersteller
zögert noch. Diese Analyse zeigt, wie man die
unseligen Tücken in der
Objektpalette umschiffen
kann.
Fazit
Die Änderungen in der Objektpalette von
Freehand MX gehen an den Wünschen
altgedienter Freehand-Benutzer vorbei.
Die Möglichkeit, Attribute zu kombinieren, zwingt zu einer Hierarchie in dieser
Palette. Und die wiederum führt dazu,
dass Objekte ein unterschiedliches Aussehen bekommen, nur weil man einmal zu
erst die Füllung und dann die Umrandung definiert und beim nächsten Mal
die andere Reihenfolge wählt.
Legenden zu Bilder des Artikels:
Hintertür: Eine gut organisierte Stilepalette ändert die am meisten gebrauchten Eigenschaften
auf einen Klick. In „Stile
bearbeiten” kann der Wirkungsbereich eines Stils
eingeschränkt werden.
Seit Februar 2004 ist Freehand MX im Handel, doch
die Erweiterung der Objektpalette bringt noch
immer viel Ärger mit sich,
da die neuen Kombinationsmöglichkeiten ganz
anders funktionieren, als
man das in den vorigen
Versionen gewöhnt war.
m
Optische TäuschungEinige Objektstriche sind nur halb so dick, doch alle haben die gleiche Einstellung in der Objektpalette: ein Mysterium.
Rückschritt: Bei jedem
Objektwechsel zeigt sich
die Objektpalette erneut
zugeknöpft.
Vertauscht: Die Ursache
der unverständlichen
Vorgänge: Wenn die Füllung in der Hierarchie
oben steht, verdeckt sie
die Hälfte der Linie.
Sinnvoll: Mehrere Eigenschaften mit einem
Effekt, der sich nur auf
die Füllung auswirkt.
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